KI · 5 Min Lesezeit

Welche Fähigkeiten sind für die Zukunft wichtig?

Schriftzug „21st-Century Skills" in Lila auf hellem Grund
Schriftzug „21st-Century Skills" in Lila auf hellem Grund Konzept: House of Education · Motiv: KI-generiert

Eine alte Antwort auf eine neue Frage

Wenn heute von „21st Century Skills“ oder „Future Skills“ die Rede ist, klingt das nach etwas Neuem. Die Idee dahinter ist es nicht. 1974 veröffentlichte Dieter Mertens den Aufsatz „Schlüsselqualifikationen. Thesen zur Schulung für eine moderne Gesellschaft“. Mertens war Gründungsdirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), des Forschungsinstituts der damaligen Bundesanstalt für Arbeit. Dieselbe Behörde fördert heute als Bundesagentur Weiterbildung über den Bildungsgutschein.

Sein Argument: Fachwissen veraltet immer schneller, und niemand kann sicher vorhersagen, welches Wissen in zehn Jahren gebraucht wird. Immer mehr Stoff in die Ausbildung zu packen, hilft deshalb wenig. Wichtiger sind Fähigkeiten, die wie ein Schlüssel wirken: Sie erschließen neues Fachwissen schnell, wenn es gebraucht wird. Mertens nannte sie Schlüsselqualifikationen, „weil sie den Schlüssel zur raschen und reibungslosen Erschließung von wechselndem Spezialwissen bilden“. Er behielt recht.

Zwei seiner Sätze lesen sich, als wären sie für das Jahr 2026 geschrieben. Der Kopf solle „nicht mehr als Speicher von Faktenkenntnissen, sondern als Schaltzentrale für intelligente Reaktionen“ genutzt werden. Und: „Schulung ist Denkschulung.“ Zu den wichtigsten Schlüsselqualifikationen zählte er kritisches, kooperatives und kreatives Denken sowie das Lernen des Lernens.

Seine Liste ist allerdings kopflastig. Zusammenarbeit kommt bei ihm vor, aber als „kooperatives Denken“, also als Denkleistung. Dass Kommunikation, Konfliktklärung und Überzeugen ein eigenes Handwerk sind, das man übt und nicht nur versteht, rückte erst in den Jahrzehnten danach in den Vordergrund.

Was die Welt heute für wichtig hält

Seit Mertens haben Regierungen und Organisationen die Liste immer wieder neu aufgeschrieben, von Washington über Paris und Brüssel bis Tokio. Bei den Fähigkeiten selbst sind sie sich weitgehend einig. Unterschiedlich ist, worauf sie bauen:

WashingtonDie „Partnership for 21st Century Skills“, 2002 gegründet, fasste in ihrem Rahmenwerk von 2007 die „4 C“ zusammen: kritisches Denken, Kommunikation, Zusammenarbeit und Kreativität.
ParisDer „Lernkompass 2030“ der OECD stellt die Handlungsfähigkeit in die Mitte: den Willen und die Fähigkeit, das eigene Leben und die Welt positiv zu gestalten.
BrüsselDie EU empfiehlt seit 2018 acht Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen. Eine davon heißt ausdrücklich persönliche, soziale und Lernkompetenz, also das Lernen lernen.
SingapurDas Bildungsministerium setzt Werte ins Zentrum, etwa Respekt, Verantwortung und Widerstandskraft. Die Fähigkeiten sind um sie herum angeordnet.
PekingChinas Modell von 2016 ruht auf drei Säulen. Die erste ist die kulturelle Grundlage, daneben stehen selbstständige Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe.
TokioDas japanische Wirtschaftsministerium nennt als erste von drei Grundfähigkeiten für das Berufsleben die Fähigkeit, einen Schritt nach vorn zu machen, ausdrücklich auch ohne Angst vor dem Scheitern.

Warum KI das Argument verschärft

Mertens’ Grundgedanke war, dass Wissen veraltet. Heute kommt hinzu, dass Wissen jederzeit abrufbar ist, über eine Suchmaschine oder einen KI-Assistenten in Sekunden. Damit verschiebt sich, was den Unterschied macht: nicht mehr, wer etwas weiß, sondern wer die Antwort prüfen kann, wer Informationen verknüpft und wer am Ende urteilt.

Drei Fähigkeiten gewinnen dadurch an Gewicht:

  • Prüfen. Antworten hinterfragen, Quellen einordnen, Fehler erkennen. Was früher „kritisches Denken“ hieß, wird zur täglichen Arbeitsaufgabe, gerade im Umgang mit KI.
  • Verknüpfen. Aus Einzelteilen ein Gesamtbild machen, Zusammenhänge erkennen, Menschen und Ideen zusammenbringen.
  • Urteilen und entscheiden. Auch unter Unsicherheit zu einer Entscheidung kommen und sie vertreten.

Dazu kommen die Fähigkeiten, die Mertens nur als Denkleistung fasste: im Team arbeiten, Konflikte klären, andere überzeugen. Sie hängen an Menschen und Beziehungen und lassen sich deshalb am wenigsten an eine Maschine abgeben.

Drei Fallen, die fast alle treffen

  • Ein Werkzeug statt einer Fähigkeit. Wer nur lernt, welche Knöpfe ein KI-Werkzeug hat, steht beim nächsten Werkzeug wieder am Anfang. Was bleibt, ist die Fähigkeit, Ergebnisse zu prüfen und einzuordnen.
  • Zuhören statt üben. Kommunikation, Konfliktklärung und Entscheiden lernt man nicht aus Vorträgen. Sie entstehen erst, wenn man sie in echten Situationen übt und danach reflektiert.
  • Fachwissen gegen Fähigkeiten ausspielen. Mertens wollte Fachwissen nicht ersetzen, sondern erschließbar machen. Wer nur noch auf „Soft Skills“ setzt, hat nichts, worauf sie wirken können.

Häufige Fragen

Was sind Schlüsselqualifikationen?

Übergreifende Fähigkeiten, die in vielen Berufen und Situationen nützen und das Lernen von neuem Fachwissen erleichtern. Dieter Mertens hat das Konzept 1974 in einem Aufsatz für das IAB ausgearbeitet; den Begriff selbst gab es vereinzelt schon vorher.

Welche Fähigkeiten werden durch KI wichtiger?

Vor allem das kritische Prüfen von Informationen, das Urteilen und Entscheiden sowie Fähigkeiten im Umgang mit Menschen: Kommunikation, Zusammenarbeit und das Klären von Konflikten.

Kann man diese Fähigkeiten in einer Weiterbildung lernen?

Ja, wenn die Weiterbildung auf Übung setzt statt auf reine Wissensvermittlung. Viele solcher Weiterbildungen lassen sich mit einem Bildungsgutschein fördern.

Wo du das üben kannst

Unsere Einzelkurse setzen genau hier an: Entscheidungsmanagement, Konfliktmanagement & Mediation, Präsentation & Kommunikation, Moderation & Workshop-Facilitation, Teamwork & Trust Building, und KI im Arbeitsalltag, wo du lernst, KI-Ergebnisse zu prüfen und sinnvoll einzusetzen. Die Kurse dauern je zwei Wochen, enden mit einer Arbeitsprobe statt einer reinen Wissensprüfung und sind mit Bildungsgutschein förderbar.

Quellen

Mertens, Dieter (1974): Schlüsselqualifikationen. Thesen zur Schulung für eine moderne Gesellschaft. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 7. Jg., Heft 1, S. 36–43. Zitate S. 36 und These 23, S. 40; kooperatives Denken These 32, S. 41. Online beim IAB: doku.iab.de/mittab/1974/1974_1_MittAB_Mertens.pdf

Zur Person: IAB, Geschichte des Instituts (Gründung 1. April 1967, Direktor Dieter Mertens 1967–1987). iab.de/the-iab/iabs-history

Partnership for 21st Century Learning (P21): Framework for 21st Century Learning (2007; Gründung der Partnership 2002).

OECD (2019): Learning Compass 2030, Concept Note.

Empfehlung des Rates vom 22. Mai 2018 zu Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen, ABl. C 189/1.

Ministry of Education Singapore: 21st Century Competencies (2010, erweitert 2023). moe.gov.sg/education-in-sg/21st-century-competencies

中国学生发展核心素养 (Kernkompetenzen für die Entwicklung chinesischer Schüler), Beijing Normal University im Auftrag des Bildungsministeriums, 13. September 2016.

Ministry of Economy, Trade and Industry (METI): 社会人基礎力 (2006). meti.go.jp/policy/kisoryoku

Übersetzungen der englischen, japanischen und chinesischen Passagen: House of Education.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Orientierung. Stand: Oktober 2026

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