Einzelkurs · 6 Min Lesezeit

Klassisch, agil oder hybrid? Die Vorgehensfrage, die über Projekte entscheidet

Lok, Segelboot, Amphibienfahrzeug: fester Gleisweg, wendiges Reagieren auf den Wind – oder beides. Welches Vorgehen passt, entscheidet das Projekt.
Lok, Segelboot, Amphibienfahrzeug: fester Gleisweg, wendiges Reagieren auf den Wind – oder beides. Welches Vorgehen passt, entscheidet das Projekt. Konzept: House of Education · Motiv: KI-generiert

Die Entscheidung, die nebenbei fällt

Am Anfang eines Projekts steht eine Frage, die selten bewusst gestellt wird: klassisch, agil oder hybrid? Meist ist die Antwort schon da, bevor jemand sie ausgesprochen hat – weil man es hier immer so macht, weil das Team nur eine Arbeitsweise kennt, oder weil die Geschäftsführung gerade agil gut findet.

Fast die Hälfte arbeitet längst hybrid

48 %der Organisationen arbeiten mit einem gemischten Modell, weitere 26 % mit einem selbst gebauten18. State of Agile Report

Die Frage „klassisch oder agil?“ ist in der Praxis also schon beantwortet – sie lautet in den meisten Häusern längst „beides, je nachdem“. Nur wird das selten bewusst entschieden, sondern wächst über Jahre so zusammen.

Wer unbewusst wählt, zahlt doppelt

Das wirkt wie eine Formalie, ist aber die weitreichendste Entscheidung des Projekts. Sie legt fest, wie geplant wird, wer was entscheiden darf, wie Fortschritt gemessen wird, welche Rollen es gibt und wie mit Auftraggebern kommuniziert wird. All das lässt sich später nur mit erheblichem Aufwand umbauen – mitten im laufenden Projekt, wenn ohnehin Druck herrscht.

Wer die Vorgehensweise unbewusst wählt, zahlt später doppelt: einmal für die Reibung, die eine unpassende Methode erzeugt – und einmal für die Korrektur.

Was die Fachwelt dazu sagt

Der Projektmanagement-Standard PMBOK Guide (7. Auflage) hat die bewusste Wahl deshalb zu einem eigenen Prinzip gemacht: „Tailor Based on Context“ – die gezielte Anpassung von Vorgehen, Steuerung und Prozessen an das jeweilige Umfeld und die konkrete Aufgabe. Der Standard bevorzugt ausdrücklich keine Methode. Die Begründung ist schlicht: Kein Ansatz passt auf alle Projekte.

Dass die Methode allein nicht über Erfolg entscheidet, zeigt auch die Forschung des PMI: Die Projektergebnisse sind über klassische, agile und hybride Vorgehensweisen hinweg vergleichbar – vorausgesetzt, die Organisationen setzen den jeweils passenden Ansatz ein. Kritisch wird es dort, wo ein einziges Framework nach dem „one-size-fits-all“-Prinzip über die ganze Organisation ausgerollt wird, ohne die Unterschiede zwischen den Projekten zu berücksichtigen.

Anders gesagt: Nicht die Methode macht den Unterschied, sondern ihre Passung. Genau deshalb ist die bewusste Wahl kein Formalismus, sondern Handwerk.

Drei Fallen, die fast alle treffen

1 · Die Gewohnheit„Das machen wir hier immer so.“ Die Vorgehensweise wird nicht gewählt, sondern vererbt – vom letzten Projekt, vom Lieblingswerkzeug des Teams, von der Vorlage im Laufwerk.
2 · Der Beschluss von obenEin Framework wird über die gesamte Organisation ausgerollt, weil es sich an einer Stelle bewährt hat. Genau davor warnt die PMI-Forschung: Nicht die Methode ist das Problem, sondern ihr flächendeckender Einsatz ohne Blick auf das einzelne Projekt.
3 · Hybrid als Ausrede„Wir machen ein bisschen von beidem“ klingt nach Pragmatismus, ist aber oft nur die vermiedene Entscheidung. Wer beide Logiken vermischt, statt sie pro Projektteil sauber zu trennen, bekommt die Nachteile von beiden.

Gegen jede der drei Fallen gibt es einen Gegenzug – in derselben Reihenfolge:

Drei Gegenzüge vor dem Projektstart

1 · Die Frage überhaupt stellenGegen die Gewohnheit: Setze die Vorgehensfrage einmal explizit auf die Agenda des Projektstarts und halte die Antwort schriftlich fest, mit Begründung. Eine Entscheidung, die niemand ausgesprochen hat, kann später auch niemand überprüfen.
2 · Pro Projekt entscheiden, nicht pro OrganisationGegen den Beschluss von oben: Der PMBOK Guide schreibt bewusst keine Methode vor. Was organisationsweit gelten sollte, ist nicht ein Framework, sondern die Pflicht, die Wahl je Projekt zu begründen.
3 · Pro Projektteil ein VorgehenGegen Hybrid als Ausrede: Zerlege das Projekt in Teile und entscheide für jeden einzeln. Der planbare Teil läuft klassisch, der unklare agil – aber jeder Teil hat genau eine Logik, nicht zwei halbe.

Die drei Vorgehensweisen – und wann sie passen

Wer bewusst wählen will, muss die Alternativen kennen. Kurz und ohne Fachjargon:

KlassischErst planen, dann umsetzen. Passt, wenn Ziel, Umfang und Rahmenbedingungen weitgehend feststehen und sich gut vorausplanen lassen.
AgilIn kurzen Schleifen arbeiten, regelmäßig Feedback einholen und nachsteuern. Passt, wenn Anforderungen oder Lösungsweg noch nicht vollständig bekannt sind.
HybridBewusst kombinieren, was zum jeweiligen Projektteil passt – planbare Teile klassisch, unklare Teile agil. Keine halbe Sache, sondern eine gezielte Zusammenstellung.

Wichtig: Hybrid heißt nicht „ein bisschen von beidem“. Es heißt, für jeden Teil des Projekts das Vorgehen zu wählen, das dort trägt – und beide Logiken sauber auseinanderzuhalten, statt sie zu vermischen.

Woran du es festmachst

Drei Fragen führen in der Praxis fast immer zur passenden Wahl. Wie klar ist das Ziel? Steht das Ergebnis fest wie bei einer genehmigten Bauplanung, spielt das klassische Vorgehen seine Stärke aus; ist es unscharf wie bei einer App, deren Funktionsumfang noch niemand kennt, braucht es agile Schleifen. Wie stabil sind die Anforderungen? Ändern sie sich laufend, ist ein starrer Plan nur Papier; sind sie fix, gibt Struktur Sicherheit. Und wie schnell bekommst du Feedback? Agiles Arbeiten lebt von kurzen Lernzyklen – wo Rückmeldung erst nach Monaten kommt, verpufft der Vorteil.

Fallen die Antworten für verschiedene Projektteile unterschiedlich aus, ist das kein Widerspruch – das ist der Fall, in dem hybrid die richtige Antwort ist.

Erst entscheiden, dann arbeiten

Projekte erfolgreich zu steuern heißt deshalb nicht, möglichst viele Methoden zu beherrschen. Es heißt, beurteilen zu können, welche Vorgehensweise zur konkreten Projektsituation passt – und diese Entscheidung bewusst und begründet zu treffen, bevor das Projekt losläuft.

Diese Urteilsfähigkeit ist kein Talent, sondern Handwerk: Sie entsteht aus dem Verständnis der Vorgehensweisen, ihrer Stärken und ihrer Grenzen – und aus der Übung, Projekte nüchtern einzuschätzen.

Quellen: PMI, PMBOK Guide – Seventh Edition, Prinzip „Tailor Based on Context“; PMI, Pulse of the Profession (2024) / PMI-Blog „The Hybrid Era: Project Management Embraces the Fit-for-Purpose Approach“; Digital.ai, 18th State of Agile Report (2025), Frage 9. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Orientierung. Stand 2026

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