Einzelkurs · 4 Min Lesezeit

Konflikte aussitzen ist die teuerste Option

Ein Seil unter Spannung, kurz vor dem Reißen – so eskaliert ein Konflikt, den niemand entschärft.
Ein Seil unter Spannung, kurz vor dem Reißen – so eskaliert ein Konflikt, den niemand entschärft. Konzept: House of Education · Motiv: KI-generiert

Wenn zwei nicht mehr miteinander reden

Zwei Teammitglieder ziehen seit Wochen nicht mehr an einem Strang: E-Mails gehen in CC an alle, in Meetings widersprechen sie sich reflexartig. Die Führungskraft hofft, dass sich das von selbst legt. Es legt sich nicht – die Zusammenarbeit im ganzen Team leidet, und einer der beiden schaut sich schon Stellenanzeigen an.

Wer früh klärt, zahlt ein Drittel

Eine Untersuchung im Auftrag der britischen Schlichtungsstelle Acas hat die Kosten von Konflikten am Arbeitsplatz erstmals systematisch beziffert: rund 28,5 Milliarden Pfund pro Jahr, umgerechnet über 1.000 Pfund je Beschäftigtem. Knapp eine halbe Million Menschen kündigen dort jährlich wegen eines Konflikts. Die aufschlussreichste Zahl ist aber eine andere: Wo ein Konflikt in ein formales Verfahren läuft, liegen die Kosten mehr als dreimal so hoch wie dort, wo er informell geklärt wurde.

Wegschauen ist deshalb keine neutrale Option. Es ist eine Entscheidung für die stille, teure Variante.

Aussitzen oder eskalieren – beide Reflexe machen es schlimmer

Die meisten Führungskräfte haben zwei Reflexe bei Konflikten: aussitzen oder eskalieren. Beide fühlen sich wie Handeln an, beide machen es schlimmer. Der teuerste Fehler ist nicht die falsche Reaktion – es ist gar keine. Ein ungeklärter Konflikt verschwindet nicht, er zieht sich in den Untergrund. Er zeigt sich als sinkende Zusammenarbeit, als Informationen, die nicht mehr geteilt werden, als gute Leute, die leise kündigen. Diese Kosten tauchen in keiner Rechnung auf – aber sie sind real und meist höher als das unangenehme Gespräch, das man vermeiden wollte.

Drei Fallen, die fast alle treffen

1 · AussitzenDu hoffst, dass sich das von selbst legt. Konflikte legen sich aber nicht von selbst, sie verlagern sich. Aus offenem Widerspruch wird stilles Übergehen, und das ist deutlich schwerer zu greifen.
2 · Das MachtwortDu entscheidest von oben und erklärst das Thema für erledigt. Formal stimmt das. Der Konflikt läuft danach weiter, nur leiser und ohne dich.
3 · Nur über die Sache redenDu diskutierst Zuständigkeiten, Prozesse und Termine, während der eigentliche Konflikt längst auf der Beziehungsebene läuft. Jede Sachlösung hält dann nur bis zum nächsten Anlass.

Gegen jede der drei Fallen gibt es einen Gegenzug – in derselben Reihenfolge:

Drei Werkzeuge, die den Konflikt produktiv halten

1 · Beobachtung statt VermutungGegen das Aussitzen: Sprich früh an, aber beschreibe, was du gesehen hast, statt zu deuten. „Ihr habt in den letzten drei Meetings gegensätzlich argumentiert“ ist ein Gesprächseinstieg. „Ihr habt ein Problem miteinander“ ist ein Vorwurf.
2 · Interessen statt PositionenGegen das Machtwort: Positionen schließen sich aus, Interessen selten. Wer fragt, worum es der anderen Seite eigentlich geht, findet fast immer mehr Spielraum, als die beiden Ausgangsforderungen vermuten lassen.
3 · Sache und Beziehung trennenGegen die Sachebenen-Falle: Kläre zuerst, ob es überhaupt noch um die Sache geht. Solange die Beziehungsebene gestört ist, hält keine Sachlösung länger als bis zum nächsten Reibungspunkt.

Konflikte haben Stufen – und die Stufe entscheidet

Nicht jeder Konflikt braucht die gleiche Reaktion. Entscheidend ist, wie weit er schon eskaliert ist – und die Kunst liegt darin, ihn früh zu erkennen, solange er noch mit wenig Aufwand lösbar ist. Zurück zu den zwei Teammitgliedern:

SpannungNoch sachlich lösbar – ein frühes, klärendes Gespräch genügt und kostet wenig.
Offener KonfliktEs geht um Positionen, nicht mehr nur die Sache; jetzt braucht es Vermittlung, die beide Seiten hört.
VerhärtungDie Beziehung ist beschädigt, es geht ums Rechthaben; die Kosten steigen steil – dort steuert die Szene gerade hin.

Drei Fragen vor dem Gespräch

Was habe ich beobachtet – und was habe ich hineininterpretiert? Nur das Erste gehört ins Gespräch.

Auf welcher Stufe steht der Konflikt gerade? Bei Spannung reicht ein klärendes Gespräch. Bei Verhärtung brauchst du jemanden, der von außen moderiert.

Was könnte die andere Seite mit ihrem Verhalten erreichen wollen? Wenn dir darauf nichts einfällt, hast du noch nicht genug gefragt.

Produktiv halten statt gewinnen

Ziel im Konflikt ist nicht, zu gewinnen. Es ist, den Konflikt produktiv zu halten – als Reibung, aus der etwas Besseres entsteht, statt als Grabenkampf. Diese Werkzeuge sind erlernbar. Wer sie beherrscht, muss Konflikte nicht mehr fürchten – und spart sich die stillen Kosten des Aussitzens.

Quelle: Acas – Estimating the Costs of Workplace Conflict (Saundry/Urwin, 2021). Dieser Beitrag dient der allgemeinen Orientierung. Stand 2026

Hat der Blogbeitrag Interesse geweckt? Sprich mit uns.

30 Minuten Beratung. Wir beantworten konkrete Fragen zu Förderung, Programmen und der Methode.

Keine Registrierung. Keine Vorab-Daten. Online, unverbindlich.
Direkt anrufen: 030 81 456 3100 · Mo–Fr 9–17 Uhr