Kurz zusammengefasst
- Ein französischer Agraringenieur maß im 19. Jahrhundert, wie viel Menschen leisten, wenn sie allein und wenn sie gemeinsam arbeiten.
- Zu acht brachte jeder nur noch halb so viel wie allein. Acht Leute leisteten zusammen nicht mehr als vier Einzelne.
- Es ist die älteste saubere Messung gegen den Reflex, ein Problem mit mehr Leuten zu lösen.
Der Fund
Maximilian Ringelmann war Professor für Landtechnik am Institut National Agronomique in Paris und leitete dort die Prüfstation für Landmaschinen. Er maß, wie viel Zugkraft Menschen, Tiere und Maschinen leisten. Das Ziel war praktisch: landwirtschaftliche Geräte besser auszulegen.
Seine Messungen entstanden zwischen 1882 und 1887 an der Landwirtschaftsschule Grand-Jouan. Veröffentlicht hat er sie erst 1913, in einem vierzigseitigen Aufsatz über die „Arbeit des Menschen“.
Im Original
Auf Seite 9 steht eine kleine Tabelle, die später berühmt wurde. Sie gibt an, wie viel jeder Einzelne noch leistet, wenn mehrere gemeinsam ziehen, gemessen an seiner Leistung allein:
- Zwei Personen: jeder noch 93 Prozent.
- Drei Personen: jeder noch 85 Prozent.
- Fünf Personen: jeder noch 70 Prozent.
- Acht Personen: jeder noch 49 Prozent.
Je größer die Gruppe, desto weniger trägt jeder Einzelne bei. Nicht in Summe, pro Kopf. Acht Leute bringen zusammen nicht mehr zustande als vier, die jeder für sich arbeiten.
Ringelmann schreibt nicht, bei welcher Aufgabe diese Werte entstanden sind. Als „Seilziehen“ hat sie erst Walther Moede 1927 in Umlauf gebracht, und die Kilogramm-Angaben, die bis heute kursieren, stammen aus seiner Nacherzählung. Ringelmanns eigener Seilzugversuch mit 28 Studenten zeigt aber dasselbe Muster: allein 85 Kilogramm, zu siebt noch 65 pro Kopf, zu vierzehnt 61.
Übersetzt
Ringelmann selbst führte den Rückgang auf fehlende Gleichzeitigkeit zurück: Acht Menschen ziehen nie exakt im selben Moment in dieselbe Richtung. Dass noch ein zweiter Grund wirkt, zeigten Experimente erst 1974: Wer glaubt, andere zögen mit, strengt sich weniger an, auch wenn er in Wahrheit allein am Seil hängt. 1979 bekam das einen Namen: social loafing. In Büros wiegt dieser zweite Grund mehr als der erste.
Wer allein zieht, weiß: Wenn ich nachlasse, steht das Seil still. Wer zu acht zieht, weiß das nicht mehr. Verantwortung, die sich auf alle verteilt, liegt bei niemandem.
Praktisch heißt das: Ein Vorhaben wird nicht dadurch schneller, dass mehr Leute daran arbeiten. Es wird dadurch schneller, dass jeder weiß, welcher Teil ihm gehört.
Die Probe
Wo habt ihr zuletzt ein Problem gelöst, indem ihr mehr Leute darauf gesetzt habt?
Und die härtere Frage: Könnte in eurem größten Projekt jeder Beteiligte in einem Satz sagen, welcher Teil davon ihm allein gehört?
Wo man das lernt
Aufgaben so zu schneiden, dass Beiträge sichtbar bleiben, ist der Kern funktionierender Zusammenarbeit — und der Unterschied zwischen einem Team und einer Gruppe.

